Der beherzte Patient

Vom gesunden Umgang mit Krankheit

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Bruno_Bussmann

Selbstbestimmt ins eigene Leben finden

Bruno_Bussmann

(Blog) Krankheit kann dann auftreten, wenn wir nicht unser Leben leben – sagen spirituelle Lehrer. Es gilt also, unseren individuellen Lebensweg zu finden, oder anders gesagt: authentisch zu leben. Nur – wie finde ich diesen Weg? Wann lebe ich authentisch? In meiner zweiten ayurvedischen Panchakarma-Kur habe ich jemanden kennengelernt, der auf diese Fragen Antworten zu kennen scheint: Bruno Bussmann, Maler. Der ehemalige Professor an der Kunsthochschule im schweizerischen Luzern und Maler über Glück und Risikobereitschaft, Angst und Kreativitiät – kurz: Kunst und Lebenskunst.

Bruno, Du wirkst wie ein wirklich glücklicher Mensch …

Ich bin zufrieden, ja, eigentlich auch glücklich. Ich glaube, ich bin einen guten Weg gegangen. Das Wichtigste ist die Erfüllung – ich habe meine eigenen Gefäße gefüllt. Aber das geht nur, wenn man seine eigenen Gefäße auslotet. Man kann häufig lesen, was Glück ist – aber ich muss selbst erfahren, wann und wie es eintritt.

Was kann ich selbst tun, um Erfüllung zu finden?

Wenn ich mich zum Beispiel fair verhalte, obwohl es mir Nachteile bringt, ich mich aber damit gut fühle und morgens gerne in den Spiegel sehe, dann ist das gut und stimmig. Nach einer Weile erkenne ich solche Zusammenhänge und kann dieses Gefühl auf andere Situationen übertragen. Wenn das wieder gut läuft, wächst das Vertrauen in meine Entscheidungsfähigkeit und das Leben. So wird mein Leben selbstbestimmt, die Zufriedenheit wächst – und beschert mir ein erfülltes Leben.

Dein Lebensweg macht dich klug

In unserem Leben mit seinen vielen Abhängigkeiten ist es aber nicht einfach, ein selbstbestimmtes Leben zu führen …

Wir müssen es zumindest versuchen. Je mehr ich selbst bestimmen kann, was in meinem Leben geschieht, desto besser kann ich erfahren, ob etwas für mich stimmig ist. Je mehr ich es zulasse, fremdbestimmt zu sein, desto mehr laufe ich Gefahr, mich von mir selbst zu entfernen. Die Gesellschaft hält dich für einen Glückspilz, wenn du gesund bist, eine Familie hast, dazu ein Haus, ein schönes Auto … Dann denkst du, wenn alle Glück so definieren, dann musst du wohl glücklich sein. Aber du legst dir da im Kopf etwas zurecht. Aber am Ende ist das gar nicht deine Definition von Glück, es ist nicht stimmig, funktioniert nur irgendwie. Dann hast du dich von dir selbst, von deiner Identität, entfernt. Wichtig ist, dass du darauf achtest, in welchen Lebenssituationen du ein ablehnendes oder ein gutes, zustimmendes Gefühl hast. So lernst du dich immer besser kennen. Es ist dein persönlicher Lebensweg, der dich klug macht und deine Identität finden lässt, nicht die Gesellschaft, eine Idee oder eine Ideologie.

Für einen Kunststudenten ist es doch besonders wichtig, zu seiner Identität zu finden. Inwieweit hast du das in deinem Unterricht aufgegriffen?

Die Identität ist für jeden Menschen von zentraler Bedeutung. Sie ist grundsätzlich für seine Befindlichkeit, wenn er leben und nicht nur funktionieren möchte. Funktionieren ist eine Definition für Maschinen. Für den Menschen ist die Reduktion darauf sozusagen tödlich. Er lebt nicht. Meine Studenten habe ich aufgefordert, sich zu fragen: Wer bin ich? Was gefällt mir nicht, woran habe ich Freude, wann entsteht ein natürlicher Antrieb, was fühlt sich für mich stimmig an? Sie mussten das nicht wissen, sie sollten das nach und nach für sich herausfinden und sich dabei ent-wickeln.

Und wie sollten sie das praktisch anstellen?

Vor allem habe ich versucht zu vermitteln, dass sie die Antwort darauf bei sich selbst und nicht außerhalb von sich suchen, zum Beispiel in einer Idee. Denn dann wird man schnell zum Ideologen, und das muss man unbedingt vermeiden. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn mir jemand sagt, Eier sind nicht gut für dich, sind ungesund. Dann verkrampfe ich, bekomme vielleicht sogar ein bisschen Angst. Denn ich habe es nicht für mich selbst herausgefunden. Ich übernehme einfach unhinterfragt die Meinung eines anderen. Wenn ich diese Meinung dann konsequent anwende, womöglich auch andere davon zu überzeugen versuche, dann wird es zu einer Ideologie. Und das hat wiederum nichts mit Identität zu tun. Oder nehmen wir die Kunst: Ein Künstler ist, wer auf seinem Gebiet erkennbar außerordentlich ist, also wörtlich außerhalb der Ordnung steht. Wenn ein Schüler dann einen Trick anwendet, um dieses Ziel, außerordentlich zu sein, zu erreichen, dann ist das nicht ehrlich, nicht authentisch. Mir fällt da ein Plakat von Toulouse-Lautrec ein, der den Sänger Aristide Bruant mit einem schwarzen Zylinder und rotem Schal gemalt hat. Nun trägt jemand einen schwarzen Hut und einen roten Schal und denkt, er sei ein Künstler. Das hat tatsächlich mal jemand getan, und ich dachte, ich sehe nicht richtig. Welch ein Trugschluss! Wenn ich etwas nur deshalb tue, um bei anderen einen bestimmten Eindruck zu erwecken, dann ist das alles andere als authentisch. Ich muss ich selbst sein, mit meiner Persönlichkeit, meinen künstlerischen Inhalten.

Kreativität ist eine Haltung

Um außer-ordentlich und gleichzeitig ich selbst zu sein, muss ich kreativ werden. Auch so eine Herausforderung – wie werde ich es?

Kreativität ist eine Art sich zu verhalten, sie ist nicht an eine bestimmte Tätigkeit gebunden. Die Leute sagen, ein Maler sei kreativ. Also nehme ich einen Pinsel in die Hand und bin automatisch kreativ? So funktioniert das nicht. Kreativität ist eine Haltung, mit der ich Problemen begegne und ihre Lösungsmöglichkeiten erforsche, egal, ob ich koche oder eine handwerkliche Tätigkeit ausübe, einen Berg besteige oder gesund werden möchte. Diese Haltung ist geprägt durch eine große Offenheit, auch für unkonventionelle Wege, das erfordert Mut zum Risiko. Gängige Systeme und Vorschriften dürfen mich nicht hindern. Ich muss neue Beziehungen knüpfen dürfen und wollen, muss Zufälle zulassen. Diese offene Haltung ist gefragt: Ich weiß nicht, was passieren wird – aber es interessiert mich. Wenn ich eine bestimmte Erfindung machen will, klappt das meistens nicht. Lasse ich jedoch vorerst vieles offen und spüre Ideen einfach mal nach, kann also mit Energie dabei sein, ohne gleich zu wissen oder mir auszumalen, wohin das führt, dann bin ich auf einem vielversprechenden Weg. Wenn ich so vorgehe, wachse ich an meiner Tätigkeit und erkenne mich darin.

Was war das größte Hindernis bei deinen Studenten, kreativ zu sein?

Das war die Angst oder Hemmung, etwas im Ansatz Gutes weiterzuführen und dabei etwas zu riskieren. Mein bisheriger Erfahrungsspeicher sagt mir: Das könnte misslingen – also höre ich lieber auf. Somit nehme ich mir die Chance, etwas zu entwickeln, positive Erfahrungen zu machen, Vertrauen und Mut aufzubauen. Nehmen wir ein Beispiel: Ein Student erreicht bei einer Zeichnung einen gewissen Stand. Es tritt eine Bestätigung ein. Dann kommt der hemmende Faktor: Mache ich weiter, könnte ich das Ganze zerstören. Also mache ich nichts mehr oder führe das Ganze nur noch hier und da ein bisschen aus. So bleibt das einigermaßen Gute erhalten, aber ich bringe mich um die Chance einer Weiterentwicklung.

Das Beispiel dieses Kunststudenten ist eigentlich exemplarisch für das ganze Leben …

Absolut! Das, was man hat, gibt einem Sicherheit – denn ist man in Bewegung, nimmt Veränderungen wahr oder merkt, dass man etwas verändern sollte, weiß man ja meistens nicht, was dabei herauskommt. Das verunsichert. Es könnte ja schlechter werden als vorher. Das wäre dann für den Moment frustrierend – verständlicherweise. Zur Weiterentwicklung gehört eben auch mal das Scheitern. Wer nicht scheitern will, gewinnt nichts dazu.

Ich muss mich bewegen

Dann hast du den Tiefdruck als „Kreativitätsmotor“ entdeckt …

Ja, obwohl das eigentlich nicht mein ursprüngliches Fachgebiet war. Im Tiefdruck bearbeitest du ja eine Platte und machst Drucke davon. Das heißt, die Studenten hatten etwas in der Hand, ein Zustand war gesichert. Die Platte konnte nach dem ersten Druck ohne Hemmungen weiter bearbeitet werden. Ich habe sie in ersten Phasen in Milchtüten ritzen lassen, also noch einen Hemmfaktor weggenommen, denn die kosteten ja nichts. Die Scheu verschwand, das Experimentieren kam in Gang, die Risikobereitschaft nahm zu und wurde gestärkt durch überraschende Resultate. So musste ich immer wieder Methoden finden, um die Erlebnisintensität zu erhöhen, Erfahrungspotential und Selbstwertgefühl zu steigern. Weil mir dieses Innovations- und Erkenntnisfeld Spaß macht, bin ich ein Lehrer. Es war kein Job. Es war mein Beruf. Gleichgesetzt dem des Malers. Ich wollte, dass die jungen Leute in einen guten Prozess gelangen, darum geht es doch. Kreativität ist ein Prozess, Kunst ist ein Prozess, das ganze Leben ist so. Ich muss mich bewegen, auch einmal verschiedene Standpunkte einnehmen, die Dinge von verschiedenen Seiten sehen, wahrnehmen, dass es kein absolutes Richtig und Falsch gibt, sondern dass im Leben alles relativ ist, das heißt in Beziehungen steht. Verkrampfen und ängstlich stehenzubleiben führt nirgendwo hin.

Und wenn ich mich verrenne?

Das ist doch normal und das Risiko eines jeden Weges. Zumindest weiß ich dann: Das war es nicht. Ich könnte eine andere Richtung ausprobieren. Gehe ich gar nicht weiter, finde ich mich ab mit dem, was ist oder was ich bin. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach: Wenn ich hinfalle, stehe ich wieder auf. Und lerne, was mich zu Fall gebracht hat. Wenn ich nun immer wieder über den gleichen Stein stolpere und nichts daraus lerne, dann kriege ich irgendwann ein Korrektiv. Der Körper, der verletzte Geist signalisiert mir „Verletzung“ in entsprechenden Situationen. Das kann nach den ersten Anzeichen und Vermutungen noch Zeit brauchen, bis die definitive Einsicht da ist. Aber irgendwann muss ich handeln. Ich glaube, ich habe letztlich keine Chance, mir dauerhaft etwas vorzumachen.

Aber wie gehe ich mit der Angst um, die mit solchen Lebensentscheidungen einhergeht?

Mein ganz persönlicher Weg holt mich früher oder später ein. Also gehe ich ihn doch lieber selbst. Was ich in meinem Leben beobachtet habe, ist, dass du die Dinge, die du auf Erfahrungswegen sogar verlierst, wiederbekommst – oft auf ganz überraschende Weise, an einem ganz anderen Ort. Der Versuch, es dort zurückzuholen, wo ich es verloren habe – eine Liebe zum Beispiel – ist meist müßig. Besser setze ich meine Energie für Neues, positiv Fortschreitendes ein, und dann geschieht der Ausgleich. Ich bin da sehr optimistisch geworden, was solche Prozesse so mit sich bringen. Deshalb bin ich diesbezüglich recht entspannt und froh.

Mehr zum Künstler und Menschen Bruno Bussmann: www.brunobussmann.ch

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