Der beherzte Patient

Vom gesunden Umgang mit Krankheit

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Bis August 2017 949

Kein Platz für Ameisen (und Krebszellen)

Bis August 2017 949

(Blog) Mit zwei, drei Ameisen fing es an. Und mündete in einer Ameisenstraße, die von einer Küchenecke aus quer durchs Esszimmer führte. Sehr erstaunlich, was mich diese kleinen Tierchen so alles gelehrt haben. Der Kammerjäger war bestellt, und dann … Von Ameisen, Krebszellen und dem Einfluss unseres Denkens und Fühlens auf die Wirklichkeit.

Zunächst machten wir uns keine Gedanken. Es ist halt Sommer, und wir essen viel Grünes, auch aus dem Garten. Da dürfen schon mal ein paar Ameisen auf dem Boden herumkrabbeln. Zunächst wurden sie von uns liebevoll eingefangen und in den Garten gesetzt. Dann wurden es mehr und mehr. Mit der Zunahme der Anzahl der Krabbeltiere nahm unsere Tierliebe rasch ab. Meine Tochter begann, sie mit dem Staubsauger zu entfernen, wobei ich persönlich die Vorstellung, dass im Staubsaugerbeutel ein Haufen Ameisen im Dunkeln herumkrabbelt, eher unangenehm finde.

Kurz darauf der Anruf meiner Tochter im Büro: „Mama, das ist jetzt eine richtige Ameisenstraße!“. Also das hatte ich noch nie. Schob ein wenig Panik und bestellte sofort einen Kammerjäger, der aber so viel in punkto Ameisen zu tun hatte, dass er mir erst einen Termin drei Tage später in Aussicht stellte. Selber mit Gift herumhantieren wollte ich keinesfalls, also googelte ich nach bewährten Hausmitteln. Bier, Hefe, Honig, Essig, Schnaps, Zucker, Natron, in diversen Zusammenstellungen … Schickte meiner Tochter einen Einkaufszettel und eilte alsbald nach Hause.

Ameisen von Fallen unbeeindruckt

So eine Ameisenstraße ist schon beeindruckend. Hunderte (tausende?) Ameisen unterwegs. Der toskanarote Fliesenboden trug eine dunkelbraune Schärpe. Und ich bekam einen hysterischen Anfall. „Das sind doch nur Ameisen“, meinte mein Mann gelassen, was mich noch mehr aufbrachte. Ich holte flache Tellerchen aus dem Schrank, mixte diverse Anti-Ameisen-Cocktails und verteilte sie auf der Straße. Gebannt schauten mein Mann und ich auf das wuselnde Geschehen. Die Ameisen liefen einfach um die Hindernisse herum – das war’s. „Wir müssen mit Zewa Brücken vom Boden in die Tellerchen bauen“, konstatierte mein Mann und machte sich an die Arbeit. Was zur Folge hatte, dass die eklig-klebrigen Flüssigkeiten aus den Tellern herausgesaugt wurden und bald der ganze Boden klebte. Die Ameisen verlegten ihre Fahrspur lediglich ein wenig und krabbelten munter weiter. Hin und zurück. Eigentlich ziemlich sinnfrei. Resigniert gingen wir schlafen.

Am nächsten Morgen roch es in unserem Häuschen wie in einer Spelunke. Gespannt lugte ich in die Küche. In dem einen oder anderen Tellerchen schwamm eine Ameise. Die eine oder andere war auf dem Boden festgeklebt. Die gefühlt 9782 anderen krabbelten munter auf ihrer Straße hin und wieder her.

Da ergriff mich die Wut. Und mir fiel ein, was meine beste Freundin von ihrem Yoga-Meister berichtet hat. Der sagte nämlich, dass man Lebewesen, die an einem Ort nichts zu suchen haben, auf jedwede Weise den Garaus machen darf. Dann wäre der Kammerjäger also in Ordnung. Na ja, vielleicht nach einer Warnung oder zwei. Zwei andere Freundinnen meinten, man könne mit Ameisen reden. Naja.

„Verschwindet! Das ist mein letztes Wort!“

Kaum war ich allein zuhause, stellte ich mich vor die Küche und hielt eine Rede. Die ging ungefähr so: „Liebe Ameisen! Ich weiß nicht, weshalb ihr hier sinnlos hin- und herlauft. Aber eines weiß ich: Ihr habt hier nichts, aber auch gar nichts zu suchen! Eure Heimat sind Garten, Wald und Wiese. Ihr seid nützliche, fleißige Tierchen, und ich danke Euch für Eure Arbeit. Aber hier, in unserem Haus, seid Ihr fehl am Platz! Und ich fordere Euch dringend auf, umgehend (!!!) zu verschwinden! Sonst kommt der Kammerjäger, und Ihr sterbt einen elenden Gifttod. Das wollt Ihr bestimmt nicht, und ich eigentlich auch nicht. Aber hört gut zu: Er ist bestellt und kommt morgen. Bis dahin habt Ihr Zeit. Das ist mein letztes Wort.“

Ich wunderte mich selbst über mich: meine Strenge, meine absolute Entschlossenheit – um nicht zu sagen Unerbittlichkeit. Meine Toleranzgrenze war schlicht überschritten. Da gab es kein Pardon.

Und was soll ich sagen? In den folgenden Stunden wurden es immer weniger. Ich ging aus dem Haus, kam wieder – noch weniger. Und am nächsten Morgen waren tatsächlich alle weg. Ist das zu glauben?

Da kam ich schwer ins Nachdenken. Na schön, mag Zufall gewesen sein.

Und wenn nicht? Ich schreibe immer wieder über die Kraft der Gedanken, lese wundersame Dinge von erstaunlichen Menschen und durfte es tatsächlich einmal erleben, als ich dank meiner Vorstellungskraft erstmals hohe Töne singen konnte. Aber mit einer Rede Ameisen vertreiben? Klingt schon ziemlich abgedreht. Obwohl ich in meinen Vorträgen immer sage, „alles ist möglich“ …

Akzeptieren, verwandeln – oder doch kämpfen?

An anderer Stelle schrieb ich einmal, dass wir die unangenehmen Dinge, die an unsere Tür klopfen, in unser Leben lassen sollten. Jobverlust, Ehekrise, Krebs. Zunächst einmal. Die Tür zuzuhalten ist auf Dauer einfach zu anstrengend. Was da ist, ist da, und wir sollten das weder ignorieren noch verdrängen, sondern einen Umgang damit finden. Vielleicht ist sogar eine Kohabitation möglich, ein friedliches, respektvolles Mit- oder Nebeneinander, zumindest für eine gewisse Zeit. Mit dem Problem arbeiten, lernen, klüger werden, es vielleicht in etwas Gutes, Hilfreiches verwandeln. Es jedenfalls nicht bekämpfen und fortjagen.

Nach meiner wundersamen Begegnung mit den Ameisen bin ich ins Nachdenken gekommen. Ja, der Krebs hatte seine Berechtigung in meinem Leben. Er war ein harter, aber sehr guter Lehrmeister. Aber brauche ich ihn noch? Habe ich nicht inzwischen so viel gelernt, dass ich meinen Weg jetzt alleine gehen kann?

Bis zum Ameisen-Vorfall war ich sicher, ich brauche den Krebs (noch), um weiter wachsen und gut auf mich aufpassen zu können. Zu leichtfertig versprühe ich immer noch meine Energie in alle Winde, wenn mir etwas Spaß macht (und mir macht vieles Spaß …). Ich weiß, ich brauche einen großen Teil dieser Energie für mich und meine „Lebenspflege“. In der Chinesischen Medizin sitzt das so genannte vorgeburtliche Qi in den Nieren. Es regeneriert sich nicht, und wenn es aufgebraucht ist, sterben wir. Deshalb gibt es das Prinzip des „Yangsheng“, die Pflege des Lebens (und damit des Nieren-Qis), damit es möglichst lange hält.

Aber seit dem Verschwinden der Ameisen, seit meiner entschlossenen Rede, die in mir ganz neue Saiten zum Schwingen gebracht hat, hat sich meine Haltung etwas geändert. Brauche ich den Krebs noch, wie Castanedas Vogel auf der Schulter, der mich an den Tod erinnert und daran, dass jeder Tag wertvoll ist? Plötzlich kann ich im Qigong, der alten chinesischen Bewegungsmeditation, sehr viel mit dem „Spiel des Tigers“ anfangen. Der kämpft nämlich – um seinen Feind zu vertreiben oder gar zu töten. Und zu überleben. Das ist natürlich und gut so.

Vielleicht ist bald die Zeit gekommen, meinen Krebszellen eine „Ameisen-Rede“ zu halten. Ganz nach dem Grundsatz, „ändere die Art und Weise, wie du die Dinge siehst, und die Dinge werden sich ändern.“ Ja, die Krebszellen haben in meinem Leben eine sehr hilfreiche Arbeit geleistet, und ich danke ihnen dafür. Aber nun – jetzt oder in absehbarer Zukunft – kann und sollte ich alleine zurechtkommen. Wir lautete ein Mantra der Schamanin Lumira? „In meinem heiligen Raum bin nur ich und die unendliche Kraft der bedingungslosen Liebe.“ Für Krebszellen ist da kein Platz.

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