Der beherzte Patient

Vom gesunden Umgang mit Krankheit

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Saft

Fasten – Weniger ist mehr

Saft

(Blog) Ayurveden raten, Nahrung möglichst gegart zu sich zu nehmen. Rohkostler halten Gegartes aber für nicht besonders nahrhaft, Vegetarier mögen kein Fleisch, und Veganer verteufeln gerne sämtliche tierische Eiweiße. Und nun essen wir am besten gar nichts mehr, denn das Fasten steht gerade hoch im Kurs. Nach einigen Recherchen und Selbsterfahrung muss ich sagen: zu Recht.

„Nie mehr!“ Das war mein Fazit einer fünftägigen Fastenkur vor zehn Jahren. Erst bekam ich schreckliche Kopfschmerzen, dann war mir nur noch übel, und das „Fasten-Hoch“, das sich spätestens am vierten Tag einstellen soll, muss auf dem Weg irgendwie verloren gegangen sein. Also Fasten schön und gut, viele schwören drauf, sollen sie, aber das ist nichts für mich.

Nun muss ich zugeben, dass ich vor den Nachrichten, die in den letzten Jahren in den Medien kursieren, nicht die Augen verschließen konnte. Da heißt es, Fasten senke den Blutdruck, lindere Allergien, heile Rheumatiker, helfe bei Multipler Sklerose und jetzt auch noch bei Krebs. Jede Religion kennt und praktiziert Fastenzeiten. Und dem Steinzeitmenschen liefen ja auch nicht ständig Wildschweine vor die Nase, und er musste (und konnte!) Hungerperioden überstehen. Na schön, dachte ich mir, lege ich meine eigenen Erfahrungen ad acta und beschäftige mich mal ganz unvoreingenommen damit.

Hausputz im Körper

Das, was ich las, überzeugte mich so sehr, dass ich dem Fasten kürzlich noch einmal eine Chance gab. Ich buchte eine Fastenwoche im „Haus Friedborn“ im südlichen Schwarzwald, das von alten Freunden geführt wird. „Im Fasten geben wir dem Körper die Möglichkeit, Dinge, die er abgelagert hat, weil er sie nicht verarbeiten konnte, aufzuräumen“, erklärte Inhaberin Brigitte Greim gegenüber dem Hessischen Rundfunk am 16. August. Bereits seit fünfzig Jahren sammelt sie Erfahrungen mit dem Fasten. Sie nennt es „Großputz im Körper“. Ein derart „geputzter“ Körper weist weniger Entzündungen und ein stärkeres Immunsystem auf. Wobei Menschen, die fasten, nicht nur Schadstoffe „loslassen“ können, sondern auch belastende Gedanken, schädliche Lebensmuster. Sie drücken quasi den Reset-Knopf und sind dann eher in der Lage, ihre Lebensführung grundsätzlich zu verändern. Also weniger und gesünder zu essen, auf Entspannung zu achten und sich mehr zu bewegen. „Bewegung an der frischen Luft gehört zur Heilung immer dazu“, sagt Brigitte Greim mit Nachdruck. Deshalb bietet sie ihren Gästen auch die Möglichkeit, täglich an geführten Wanderungen teilzunehmen.

So weit, so gut. Ich bin stolz auf mich, es nochmal mit dem Fasten zu versuchen. Und komme schon gleich beim „Genuss“ einer ekelerregenden Bittersalz-Lösung ins Schwanken. „Ohne Ausleitung hat das Fasten keinen Sinn“, sagte Brigitte Greim bei ihrem Einführungsvortrag am ersten Abend. Gerade durch die Ausleitung – durch Bittersalz und morgendliche Einläufe – kann der Körper richtig entgiften. Na ja. Medizin muss ja schlecht schmecken, sonst hilft sie nicht …

Appell an die Selbstheilungskräfte

„Würden wir ein Medikament erforschen, das so potent ist wie das Fasten – unsere Telefone stünden nicht mehr still.“ Sagt Professor Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin und Inhaber der Stiftungsprofessur für klinische Naturheilkunde an der Charité-Universitätsmedizin Berlin, in der Zeitschrift Geo (Ausgabe 03/2016). Und er konstatiert: „Fasten ist der stärkste Appell an die Selbstheilungskräfte des Körpers.“

Aber wie funktioniert das? Fasten bringt die Körperzellen dazu, sich verstärkt „selbst zu verdauen“. Für die Erforschung dieses Prozesses, der Autophagie, hat der Japaner Yoshinori Ohsumi 2016 den Nobelpreis erhalten. Während des Nahrungsentzugs bauen die Zellen besonders fleißig beschädigte Bestandteile ab und verwerten sie wieder. Damit verwandeln sie sich sozusagen in Recyclinghöfe. Dieser körpereigene Großputz wirkt energiesparend, ist wichtig für die Entwicklung des Organismus und gut fürs Gehirn, stärkt den Körper bei Stress, mindert Schmerzen und wirkt zahlreichen Krankheiten entgegen. Der US-amerikanische Fastenforscher Professor Valter Longo hat sogar herausgefunden, dass sich Nahrungsentzug auf unsere Gene auswirkt: Wachstumsgene werden gebremst, Reparaturgene aktiviert. Das heißt, Fasten ist die reinste Verjüngungskur. Wenn das mal kein Ansporn ist!

Mein erster Fastentag ist vorbei. Und, oh Wunder: Keine Spur von Kopfschmerz, Hunger oder Übelkeit. Ich genieße meine Zeit in Friedborn. Das Haus ist einfach, aber schön, mitten im Wald gelegen, mit Blick bis zu den Alpen. Die Atmosphäre ist herzlich, die Gastgeber sind zugewandt und kompetent, die Gäste nett und interessant. Für mich beginnt der Tag um halb acht draußen beim „Shibashi“, einer altchinesischen Bewegungsmeditation, ähnlich dem Qigong oder Tai Chi. Um acht Uhr der Einlauf – ich lasse nichts aus. Dann gibt es im hellen, freundlichen Speisesaal einen Obstsaft, Kräutertees und Wasser. Am Vormittag kann man sich diverse Anwendungen wie Massagen oder Darmspülungen dazubuchen, aber ich fühle mich mit dem Basis-Angebot ausgelastet – ich möchte auch Zeit für mich allein.

In Friedborn ist jede Woche einem Thema gewidmet, diesmal ist es Yoga. Zwei Yogastunden gibt es pro Tag, immerhin schaffe ich es zu einer. Denn am Nachmittag, nach Gemüsesaft, etwas Brühe und Tee, werden um zwei Uhr die Wanderstiefel geschnürt. Das Wetter ist prima, und ich habe Lust auf Bewegung. Von den Wanderführern kann ich viel lernen – über den Hotzenwald, Pilze, Kräuter … Am Abend wieder Gemüsesaft und anregende Gespräche mit den Tischnachbarn, danach manchmal noch ein interessanter Vortrag.

Ein Albtraum für Krebszellen

Ich fühle mich gut, irgendwie leicht und befreit. Vor allem habe ich das Gefühl, meinem Körper wirklich etwas Gutes zu tun, und das beflügelt mich. Denn Fasten, so Valter Longo, sei ein „Albtraum für die Krebszelle“. Sie, die sie auf unablässiges Wachstum programmiert ist, braucht nämlich ständig Glukose. Die ist beim Fasten Mangelware, und die bei Nahrungsentzug freigesetzten körpereigenen Fette werden zu Ketonen, das sind Kohlenwasserstoffmoleküle, umgebaut. Die kann die Krebszelle schlecht verwerten – und verhungert. Gesunde Zellen können mit diesem Mangel viel besser umgehen. Zugleich fand die Wissenschaft heraus, dass Chemotherapien, bei denen Patienten fasten (zum Beispiel 36 Stunden davor und 24 Stunden danach), wirksamer und gleichzeitig besser verträglich sind. Denn die gesunden Zellen schalten bei Nahrungsentzug in einen Energiesparmodus und machen sich unangreifbar, während sich Krebszellen ungehemmt weiterteilen und den Zellgiften ausgeliefert sind. Tierversuche liefern dafür schon handfeste Beweise, erste Patientenstudien liegen vor. Natürlich sollten Krebspatienten in Therapie, die fasten möchten, dies nicht ohne ärztliche Begleitung tun.

An meinem sechsten Friedborn-Tag heißt es: „Abfasten“. Traditionell mit einem Apfel. Unter den neidischen Blicken meiner noch fastenden Tischnachbarn schäle ich ihn sorgfältig. Der erste Bissen löst eine wahre Geschmacksexplosion aus! Zwanzig Minuten lasse ich mir Zeit, diesen Apfel zu essen. Nun beginnt also der langsame Aufbau. An diesem Tag werden es noch Gemüsesäfte, Brühe und Pellkartoffeln sein, am nächsten Tag etwas Getreide zum Frühstück und ein leichtes Reisgericht. Langsam gehe ich dann wieder zur Normalität über: Viel Obst und Gemüse mit Schwerpunkt auf antikarzinogene und antientzündliche Lebensmittel, rote, grüne und gelbe frisch gepresste Säfte, wenig Milch und Fleisch, möglichst kein weißer Industriezucker. Von den drei Kilo, die ich abgenommen habe, konnte ich immerhin bis heute zwei halten. Ein netter Nebeneffekt, wichtiger sind mir Entgiftung und Stärkung des Immunsystems.

Fasten im Alltag

Und wie es bei mir mit dem Fasten weitergeht? Nächstes Frühjahr möchte ich wieder eine Woche gesund darben. Bis dahin halte ich es mit dem so genannten „intermittierenden“ oder Intervall-Fasten. Ein- bis zweimal in der Woche 16 Stunden: Ich lasse das Abendessen ausfallen und schiebe das Frühstück ein wenig hinaus. Nach Überzeugung und Erfahrung der Fastenforscher setzt schon das Kurzzeitfasten die beschriebenen positiven Prozesse im Körper in Gang, und diese Art des Nahrungsverzichts fällt mir wirklich leicht.

Was mir das Fasten in Zahlen gebracht hat? Das kann ich noch nicht sagen, meine Blutwerte und gynäkologischen Kontrollen sind in den letzten dreieinhalb Jahren nach der Metastasierung im Großen und Ganzen in Ordnung. Weil ich so vieles für meine Gesundheit tue – von einer achtsamen Lebensführung über Seelenpflege, Akupunktur, Osteopathie und Hyperthermie bis hin zu schulmedizinischer Behandlung – kann ich schlecht sagen, was wie hilft. Ich weiß nur, dass mich Greim, Michalsen, Longo & Co. überzeugen. Und wie hat schon die wunderbare Bad Homburger Ärztin Dr. Walburg Maric immer gesagt: Die Heilung beginnt im Kopf!

 

Links & Literatur

hr2-Doppelkopf: Am Tisch mit Brigitte Greim (16. August 2017) – Podcast

Haus Friedborn, Rickenbach/Südschwarzwald

Nicola von Lutterotti: Der Hunger ist ein Tyrann, dem wir trotzen sollten. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Januar 2017 – Artikel

Hania Luczak: Fasten. Warum kluger Verzicht die beste Medizin ist. In: Geo, Ausgabe 03 2016, S. 30-45 – Geo

 

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