Der beherzte Patient

Vom gesunden Umgang mit Krankheit

Suche
Suche Menü
Anna_Schubert

Homöopathie: „Sei realistisch und plane ein Wunder“

Anna_Schubert

(Blog) Dr. med. Anna Schubert, von Hause aus Chirurgin, heute klassische Homöopathin und integrative Onkologin, habe ich über den „Beherzten Patienten“ und drei Ecken kennengelernt. Es war wieder einmal eine dieser unglaublichen Verkettungen von „Zufällen“. Anna hat vor einigen Jahren ihren Job im Krankenhaus an den Nagel gehängt und sich in einer Privatpraxis in Saarbrücken niedergelassen, wo sie auch Hyperthermie anbietet. Hier geht es nun um die Homöopathie.

Wann bist Du der Homöopathie zum ersten Mal begegnet?

Das ist ganz lange her. Es war bei einem Akupunkturkurs in den 80er Jahren. Da war ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der nicht nur über Akupunktur, sondern auch über Homöopathie gesprochen hat. Das hat mich sofort fasziniert.

Warum?

Er hat mehrere eindrucksvolle Therapiebeispiele gegeben. Ich war damals in der Chirurgie – und wusste, Chirurgie ist nicht alles. Dieser HNO hat seine Fallbeispiele so plastisch geschildert, dass mich das nicht mehr losgelassen hat.

Wie erklärst Du die Homöopathie?

Sie funktioniert nach dem Grundsatz „Ähnliches mit Ähnlichem heilen“. Begründet hat die Homöopathie der Arzt und Chemiker Samuel Hahnemann Ende des 18. Jahrhunderts. Also sagen wir, ein Patient hat Vergiftungserscheinungen. Dann sucht der Homöopath ein Mittel, das bei einem gesunden Menschen die gleichen oder sehr ähnliche Vergiftungssymptome  hervorruft. Manchmal kommt es zu einer Erstverschlimmerung. Damit werden die Selbstheilungskräfte aktiviert, und der Gesundungsprozess kommt in Gang. Homöopathische Medikamente basieren auf natürlichen Inhaltsstoffen in verschiedenen Konzentrationen. Je höher die Potenz, desto verdünnter der Inhaltsstoff. Die Wirkung der hohen Potenzen kann sehr stark sein.

Kritiker sagen ja, gerade in den hohen Potenzen seien keinerlei Wirkstoffe mehr nachweisbar …

Mit herkömmlichen Messmethoden ist das bis heute schwierig. In der extremen Verdünnung ist tatsächlich kein Stoff mehr enthalten – aber seine Information. Und die ist besonders wirksam. Klingt verrückt, ist aber so. Und wenn das mit unseren heutigen Mitteln noch nicht hieb- und stichfest nachweisbar ist, heißt das ja noch lange nicht, dass da nichts ist. Übrigens gibt es Länder, in denen die Homöopathie viel besser erforscht wird, zum Beispiel Indien …

… weil die Homöopathie hierzulande unter den komplementären Heilmethoden immer noch als exotisch gilt, obwohl sie so viele Menschen nutzen …

Das stimmt. Ich erkläre mir das mit der Angst der Mainstream-Medizin, dass die Wirkung endgültig bewiesen werden könnte. Homöopathie wird zum Beispiel in Indien intensiv genutzt, weil sie eine billige und effektive Methode ist. Und das wäre in Europa ein wirtschaftliches Problem. Aber auch die Patienten müssten umdenken. Es gibt in der Homöopathie wie auch bei anderen komplementären Richtungen nicht die einzige und richtige Pille auf Rezept, die alles wegbläst. Krankheiten entstehen häufig über einen längeren Zeitraum, da müssen wir auch mal Geduld aufbringen. In der Homöopathie geht es um Hilfe zur Selbsthilfe, mit weniger Nebenwirkungen, als sie herkömmliche Medikamente verursachen. Wir haben ja heute das Problem der Wechselwirkungen – ab drei Medikamenten weißt Du schon nicht mehr, wie das funktioniert.

„Wenn die Homöopathie funktioniert, funktioniert sie richtig“

Ich möchte nochmal auf die Kritiker zu sprechen kommen. Kritisiert wird ja an der Komplementärmedizin vieles, aber ich habe den Eindruck, dass es bei der Homöopathie besonders aggressiv zugeht. Warum? Sollen die Menschen doch ihre Globuli für zehn Euro nehmen, wen stört das?

Wenn die Homöopathie funktioniert, dann funktioniert sie richtig. Ich sage gerne: Sei realistisch und plane ein Wunder. Du kannst unter Umständen mit drei Globuli eine Heilung erzielen, das schafft keine Tablette. Und das macht den Menschen Angst, ganz nach dem Motto: Was nicht sein kann, das nicht sein darf. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir in der Medizin Fragen stellen und neue Wege beschreiten müssen. Zum Beispiel: Ist nur das therapiebedürftig, was wir heute in der Medizin als Symptom erkennen? Müssen wir nicht vielmehr nach den Ursachen forschen? Dazu sollten wir nicht nur den Patienten viel mehr in die Behandlung einbeziehen, sondern vielleicht auch sein Umfeld, seine Familie, alles. Das komplette Leben! In der Epigenetik wird erforscht, welche Faktoren die Aktivität unserer Gene beeinflussen. Dazu gehören zum Beispiel auch Krankheiten oder Erlebnisse unserer Großeltern, der Kriegsgeneration. Da vererben sich Dinge weiter, an die denken wir erstmal gar nicht.

Das erklärt auch die ausführliche Anamnese in einer homöopathischen Praxis. Wie genau arbeitest Du?

Wie gesagt – das Erstgespräch mit einem Patienten ist sehr ausführlich, muss es auch sein. Ich möchte alles wissen: über die Familie, die Biografie des Patienten, Krankheiten, OPs, Impfungen. Übrigens kann es in Indien passieren, dass der Arzt zum Patienten nachhause kommt und mit der Familie gemeinsam isst. Danach weiß er vieles … Besonders genau höre ich zu, wenn sie oder er das Problem schildert. Hier geht es nicht nur um das Was, sondern auch um das Wie. Dann untersuche ich den Patienten auch körperlich, frage ihn: Was wollen Sie alles loswerden? Die Antwort darauf ist oft besonders aufschlussreich. Wenn ich all diese Informationen zusammengetragen habe, alle Symptome notiert und in einen bestimmten Zusammenhang gebracht habe, suche ich in einem so genannten Repertorium, das ist ein Nachschlagewerk in gedruckter oder elektronischer Form, nach dieser hoch individuellen Symptomkombination, die dann auch mit entsprechenden homöopathischen Arzneien verbunden ist. Dazu kommen natürlich meine Erfahrung und meine Intuition. Denn es können mir bis zu zwanzig Mittel angeboten werden, und ich muss jedes einzelne prüfen, ob es passt. Dann lege ich mich fest.

Das ist aber doch so ähnlich wie bei der herkömmlichen Hausärztin. Nicht so ausführlich – aber ich schildere meine Symptome, und sie schreibt etwas auf …

Nein, bei uns läuft das anders. Ich bespreche meine Auswahl mit dem Patienten, ich begründe sie ausführlich, damit er das versteht. Denn letztendlich kann nur er wissen, ob das Mittel passt. Wenn er Zweifel hat, muss ich mich fragen, weshalb das so ist. Ich will und brauche bei dieser Methode das Miteinander.

Muss der Patient an die Homöopathie glauben, damit sie hilft?

Nein. Als ich in der Gefäßchirurgie war, hatte ich es einmal mit einem Schlaganfallpatienten zu tun, der seine Hand nicht mehr führen konnte. Ich fragte ihn, was er von Homöopathie hielt – gar nichts. Na prima, sagte ich, dann können wir’s doch einfach mal ausprobieren. Ich gab ihm Arnika in sehr hoher Potenz – und eine Woche später hat er mir die Hand gegeben … Also wenn jemand dezidiert nicht will, dann ziehe ich mich zurück. Aber manche sind durchaus bereit, es mal auszuprobieren. Bei Tieren funktioniert die Homöopathie übrigens auch – das habe ich an meinem eigenen Hund gesehen. Aber klar: Wenn ich an die Behandlung glaube, kann auch der Placebo-Effekt eintreten. Ich werde nicht unbedingt durch einen Wirkstoff gesund, sondern weil ich fest davon überzeugt bin, dass er mir hilft. Homöopathie sei sowieso nichts als ein Placebo, sagen viele Kritiker. Ich sage nur: Und wenn schon? Ist doch toll, wenn es dem Patienten besser geht – warum auch immer! Wir sollten uns ohnehin viel mehr mit dem Placebo-Effekt beschäftigen.

„Es geht nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-als-auch“

Du arbeitest ja integrativ, greifst also immer auch wieder zu schulmedizinischen Mitteln …

Natürlich. Wenn etwas notwendig ist, verordne ich es auch, keine Frage. Kürzlich kam ein Mann mit weit fortgeschrittenem Brustkrebs in meine Praxis – selten, aber das gibt es. Er hatte sich längere Zeit rein alternativ behandeln lassen. Dem ursprünglichen Arztbrief habe ich entnommen, dass sein Tumor hormonabhängig wächst – und habe ihm sofort ein Antihormonmittel verschrieben. Und es hat angeschlagen! Ich habe gelernt, mich darauf zu konzentrieren, wo der Patient jetzt, in diesem Moment, eine konkrete Hilfe braucht. Meistens gilt es, zunächst eine Akutsituation in den Griff zu bekommen, dann schauen wir, was im Leben des Patienten los ist. Es geht ja nun wirklich nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-Als auch. Aber das sehen die meisten Schulmediziner anders. Und das Drama ist, dass sich immer weniger Homöopathen mit ihnen anlegen – sie geben einfach auf, suchen sich eine Nische und praktizieren vor sich hin. Nein, ich finde, wir sollten viel mehr an die Öffentlichkeit gehen.

Na ja, wir hatten es vorhin von der zum Teil aggressiven Kritik. Auch Du bist schon sehr unfair kritisiert worden. Wie gehst Du damit um?

Meistens gelassen – Ausnahmen bestätigen die Regel. Insbesondere, wenn Meinungsverschiedenheiten auf dem Rücken von Patienten ausgetragen werden. Das passiert leider immer wieder, geht aber gar nicht. Auf sachliche Diskussionen lasse ich mich gerne ein, aber meistens sind es unfaire, unqualifizierte Anwürfe. Ich versuche, sie gar nicht wahrzunehmen.

Kommen wir noch zum Unterschied zwischen der komplexen klassischen, hoch individuellen Homöopathie und der sehr symptomorientierten Homöopathie, wie sie häufig von Allgemein- oder Kinderärzten „mitpraktiziert“ wird. Gibt es denn Krankheiten, bei denen die Homöopathie besonders gut hilft?

Das würde bedeuten, dass ich hier Kategorien bilden müsste, und dieses Schubladendenken mag ich gar nicht. Ich mache mir mein lieber mein eigenes Bild von dem individuellen Menschen, der da gerade vor mir sitzt. Du kannst zum Beispiel mit einem Mittel alte Geschichten aufdecken, die indirekt für das Problem verantwortlich sind. Das schaffst Du mit einer rein symptomorientierten Methode nicht. Vielleicht beseitigst Du das Problem für eine Weile – aber dann kommt es so oder anders wieder. Die klassische Homöopathie kann schnell wirken, ist aber häufig eher ein Weg, ein Prozess.

Apropos Prozess: Die Entwicklung von der Chirurgin hin zur Homöopathin ist ja nicht nur eine medizinische, eine fachliche Entwicklung. Die persönliche Lebensanschauung verändert sich ja mit.

Das stimmt. Und das hat viele Facetten. Am wichtigsten ist, dass ich aufmerksamer, achtsamer geworden bin. Vor allem mir selbst gegenüber.

Hat Dein Umfeld auf diese Veränderung reagiert?

Ja, zum Teil auch sehr negativ. Manche so genannte Freunde haben mich richtig angefeindet. Damit hat sich eben auch mein Freundeskreis verändert – die einen gingen, andere kamen. Ich sehe das aber nicht so dramatisch. Das ist genauso, wenn Du plötzlich ein Haustier hast. Auch dann kann sich der Freundes- und Bekanntenkreis verändern. Und ich bin nun einmal von der Homöopathie überzeugt, da gibt es kein Zurück. Natürlich lande ich nicht nur Treffer. Aber häufig sehe ich, dass es wirkt. Und ich entwickle mich immer weiter. Der Austausch mit guten, erfahrenen Homöopathen ist enorm wichtig. Vor allem lerne ich mit und von meinen Patienten – jeden Tag.

Mehr über Dr. med. Anna Schubert: http://www.hyperthermie-saar-lor-lux.de

Buchtipp: Dr. med. Irene Schlingensiepen und Mark-Alexander Brysch: Homöopathie für Skeptiker – Wie sie wirkt, warum sie heilt, was belegt ist. Verlag O. W. Barth, 16,99 Euro

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.