Der beherzte Patient

Vom gesunden Umgang mit Krankheit

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Wunder gescheh’n

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(Blog) Heute beginnt also ein neues Jahr. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne … Um Zauber, vielmehr um Wunder soll es heute gehen. Eben um Dinge, über die wir uns wundern. Den Titel für die Geschichte habe ich mir bei Nena ausgeliehen – ein wunder-bares Lied! Wenn ich es recht bedenke, nehme ich inzwischen viele Wunder in meinem Leben wahr – und finde es fantastisch! Als Beispiel möge der Bau einer neuen Schwitzhütte bei meiner schamanischen Weggemeinschaft dienen. Es ist wirklich kaum zu glauben …

Die Schwitzhütte gehört zu den heiligen Ritualen der Lakota-Indianer. Man stellt sich vor, mitten im Bauch von Mutter Erde zu sitzen, da, wo nach dieser Auffassung der Mensch zuhause ist. Es ist ein Ort, an dem man sich körperlich wie seelisch auf sich selbst besinnt, den ganzen Alltagswust wegräumt und zum Wesentlichen vordringt. Erhitzt wird mit Steinen, die zuvor in einem Feuer zum Glühen gebracht wurden. Der „Türmann“ bringt sie nach einem ganz speziellen System nach und nach herein und „befeuert“ so vier Runden: das Ankommen, das Danken, das Bitten – und das Annehmen. So eine „Inipi-Zeremonie“ dauert zweieinhalb bis dreieinhalb Stunden. Für mich ist es ein Aus-der-Zeit-Treten, hinein in einen Raum, in dem ich die Chance habe, meiner Seele zu begegnen. Ihr zuzuhören und zu erfahren, was jetzt gut für mich und für meine kleine Welt ist, ist für mich ein wichtiger Bestandteil meines Lebens-, und , ja, auch meines Heilungsweges. Was in meinen Augen so ziemlich das gleiche ist.

Das heißt also, dass eine Schwitzhütte wie ein kleiner Tempel ist. Und damit in jedem Falle etwas Besonderes. Allerdings will dieser kleine Tempel alle paar Jahre neu gebaut werden – er besteht aus biegsamen Haselnuss- und Weidenstangen, die durch die Inipi-Zeremonien, aber vor allem durch Wind und Wetter arg strapaziert werden. Tobias, unser Leiter, hatte schon länger davon gesprochen, aber an einem Wochenende im Frühling war es dann soweit. Wir, zwölf Männer und Frauen, hatten uns am Freitagabend getroffen, im Gesprächskreis („Talking Circle“) erzählt, wie es uns gerade geht, und sind auf eine Trommelreise gegangen. Am nächsten Morgen, nach einem gemeinsamen Frühstück und erneutem Gespräch ging es hinaus ans Feuer – und Tobias wies uns ein. „Findet Euch am besten in kleinen Gruppen zusammen und zieht los, um möglichst gerade, etwa zwei Meter lange Haselnuss- oder Weidenstangen zu finden und hierher zu bringen. Wir brauchen 25 bis 30 Stück, jetzt ist es gleich halb zwölf, wir treffen uns in etwa eineinhalb Stunden wieder hier.“

Das ist unmöglich!

Klare Anweisung. Bloß (und jetzt wird’s peinlich): Woran erkenne ich eine Weide und eine Haselnuss? Und sind die Stangen so einfach abzusägen? Wie schleppen wir sie an unseren Platz? Vor allem: Wie soll das alles zeitlich hinhauen? Wir wollen abends in die Schwitzhütte – und vorher müssen wir also das Baumaterial suchen, finden und herbeischaffen, die Hütte bauen, Mittagessen machen, essen und wieder aufräumen, die Zeremonie vorbereiten (das Beten kleiner Gebetssäckchen für alle Lebewesen dauert in der Regel zwei Stunden), Steine und Holz fürs Feuer richten, die Schwitzhütte innen mit kleinen Teppichen auslegen und außen mit Planen abdecken … UNMÖGLICH!

Aber Tobias schien völlig entspannt zu sein, na gut, dann war ich’s (nach einigem Zögern) halt auch. Im Nachhinein war ich in einem genialen Modus: Ich war wach und aktiv, hab’s aber einfach auch laufen lassen. Ich hatte das Ziel wohl im Auge, aber es war mir in diesem Moment gar nicht so wichtig, ob wir’s wirklich erreichen würden. Wir würden uns alle Mühe geben, aber wenn es nicht klappen sollte, dann würde halt was anderes dabei herauskommen, das nicht notwendigerweise schlechter sein müsste. Kurz: Ich war in einem „Der Weg ist das Ziel“-Modus. Und das fühlt sich selbst im Rückblick noch gut an.

Wer suchet …

Ich fand mich mit zwei klugen, humorvollen Frauen zusammen. Nicht nur, dass ich die beiden extrem gerne mag, ich wusste auch, dass sie sich in der Natur auf jeden Fall besser auskannten als ich. Insgesamt zogen drei Gruppen, ausgestattet mit Messern und Handschuhen, in den Wald. Mein Trio blieb immer wieder stehen, und ich lernte, dass sich junge Buchen und Haselnussbäume ziemlich ähnlich sehen. Aber nach und nach fanden wir immer mehr Haselnussbäume oder vielmehr Sträucher, die waren noch besser. Die geschnittenen Stangen legten wir in kleinen Gruppen am Wegesrand ab. Wir hatten viel Spaß – das Wetter war freundlich, die Luft gut, unser kleines Team funktionierte bestens – eine für alle und alle für eine. Nach einer Weile fand selbst ich blindes Huhn einen Haselnussstrauch – und war stolz wie Bolle. Nach einer kleinen Lagebesprechung gingen wir dann noch ein wenig bergab in ein kleines Tal, durch das sich ein Bach schlängelte – bevorzugter Standort von Weiden. Nach einer Stunde hatten wir tatsächlich zehn Stangen beisammen und zogen mit unserer Beute (der Transport war noch eine kleine Herausforderung) zu unserem Platz zurück. Die anderen beiden Gruppen waren auch wieder eingetroffen. Eine hatte nicht so viele Stangen gefunden, dafür die andere umso mehr. Jedenfalls hatten wir mehr als dreißig Stangen, die wir gemeinsam noch von kleinen Ästen befreiten.

Dann ging’s mit dem Bauen der Hütte los. Ich dachte nur, Mist, unsere beiden Steinmetze und Bildhauer – in jedem Handwerk unfassbar geschickt – sind nicht da. Ich hingegen habe drei linke Hände … Kaum jemand der Anwesenden hatte schon mal so eine Weidenhütte gebaut, „na, das wird ja was geben“, dachte ich mir. Wir diskutierten noch kurz, ob sich einige parallel ums Mittagessen kümmern sollten, beschlossen dann aber, zusammen zu bleiben. Bis dahin hat ja alles gut geklappt, und jetzt wollten auch alle beim Hüttenbau dabei sein.

Alles ist möglich!

Tobias gab klare, freundliche Anweisungen. Er war am Platz geblieben, hatte die alte Hütte abgebaut und die Löcher im Boden vertieft. Wir steckten die Stäbe hinein und bogen sie vorsichtig, eine nach der anderen, und banden sie dort, wo sie sich kreuzten, mit roten Fahnentuchbändchen (die irgendjemand, von mir unbemerkt, zurechtgeschnitten hatte) zusammen. Ab und an brach eine Stange beim Biegen – aber wir hatten ja ausreichend Reserve. Am Ende stand die Hütte – und wir hatten jede Stange verbaut. Es war keine zu viel und keine zu wenig. Vor allem: Es war noch nicht einmal halb drei!

Ich war wirklich verblüfft. Oder sagen wir: Ich wunderte mich. Sehr. Die Hütte sah perfekt aus, und es waren gerade einmal drei Stunden vergangen, seit wir mit Blick auf die gebeutelte Vorgängerin am Feuer gestanden hatten. Beim Mittagessen stellte sich heraus, dass viele von uns gezweifelt hatten (die eine mehr, der andere weniger), ob Tobias‘ Plan hinhauen würde. Und waren irgendwie auch ein bisschen stolz, dass wir es – gemeinsam – geschafft hatten. Selbstredend war die Inipi-Zeremonie in der neuen Schwitzhütte an diesem Samstagabend eine besondere. Denn wir wussten: Natürlich haben wir alle, jeder und jede mit seinen oder ihren Fähigkeiten, zum Gelingen des Neubau-Projekts beigetragen. Aber wir wussten auch: Es brauchte noch etwas anderes: Glück. Oder anders: Hilfe. Von wem? Vom lieben Gott, von den Waldgeistern, den Spirits, ach, es gibt so viele Namen für das, was uns umgibt und immer hilft – wenn es gut ist für uns und für andere, und wenn wir es zulassen können. Dann kann etwas passieren, was wir nicht für möglich gehalten hätten. Ein Wunder eben.

Mehr Infos: http://www.elementarkreise.de/kreis.php?act_id=127

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