Der beherzte Patient

Vom gesunden Umgang mit Krankheit

Suche
Suche Menü

Ein Plädoyer für die Dunkelheit

(Blog) Schauen Sie auf das Foto – wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Aber ist da auch nichts? In einer Gruppenmeditation berichteten zwei Teilnehmerinnen von Dunkelheit, die sie beunruhigt hat. Ich dachte – und sagte das später auch: „Warum macht Ihr nicht einfach das Licht an?“. Tja, manchmal kann es so einfach sein. Oder vielleicht auch nicht. Gedanken über die guten Seiten der Dunkelheit.

Eine der beiden Teilnehmerinnen berichtete, dass in dieser Dunkelheit Menschen umhergelaufen seien und sie sich gefragt habe, wie machen sie das, wenn sie nichts sehen? Na ja, zum einen ist es oftmals gar nicht ganz dunkel. Sie kennen das: Erst einmal denken Sie, Sie sehen gar nichts. Dann aber gewöhnen sich Ihre Augen an die Dunkelheit, und sie können schemenhafte Umrisse erkennen, zumindest sich grob orientieren und auch bewegen.

Vielleicht ist aber auch wirklich alles tiefschwarz. Das kann Angst auslösen – oder aber der Rahmen für eine Achtsamkeitsübung sein: Wir schärfen unsere anderen Sinne, spüren, riechen, hören. In Frankfurt/Main gibt es das so genannte Dialogmuseum, durch das man sich in vollständiger Dunkelheit bewegt. Und es ist erstaunlich, wie gut das nach einer Weile geht. Allerdings wird man sich auch gewisser Grenzen bewusst und merkt, wann man Hilfe braucht (die einem dann auch gewährt wird). „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich“, heißt es in dem berühmten biblischen Psalm 23. Da hat der liebe Gott auch nicht einfach die Sonne angeknipst. Sondern den im Dunkeln Wandelnden Trost und Sicherheit gegeben. Den Weg finden soll der Hilfesuchende offenbar selbst. Christliche Selbstermächtigung.

Im Dunkeln sehen

Entsprechend wollte die zweite Teilnehmerin mit der Dunkelheitserfahrung in der Meditation auch gar kein Licht anmachen. „Meine Botschaft war, im Dunkeln zu sehen“, sagte sie. Sie hat offenbar erkannt, dass uns die Dunkelheit paradoxerweise auch helfen kann, unseren eigenen, individuellen Lebensweg zu finden oder ihm weiter zu folgen. Wenn wir alles sofort sehen, entscheiden wir uns vielleicht den erstbesten Weg – der vielleicht gar nicht unserer ist, der von anderen vorgezeichnet wurde. Sehen geht irgendwie schnell, im Dunkeln dagegen müssen wir still werden und spüren, wo es langgeht. Vielleicht mit ein bisschen Unterstützung – von Gott, Engeln, Freunden, Büchern …

Als Mensch, der in eine Lebenskrise geraten ist, fühlt man sich gerne mal, als ob man in ein schwarzes Loch fiele. Eine solche Krise kann zum Beispiel durch eine schwere Krankheitsdiagnose, durch Verlust eines geliebten Menschen oder einer Anstellung entstehen. Zwar schreibe ich diesen Text für die Homepage des „Beherzten Patienten“, aber vieles, was ich als Patientin lerne, gilt eigentlich für das Leben insgesamt. Ich könnte auch sagen: Von Patienten lernen heißt, fürs Leben zu lernen. Leider werden wir relativ selten (bis nie) gefragt …

Im Dunkeln sich selbst finden

Ja, Dunkelheit kann Angst machen. Nicht umsonst wird seit Jahrhunderten von „dunklen Zeiten“ oder „schwarzer Magie“ gesprochen. Aber Dunkelheit kann auch schützen! Manchmal wollen wir einfach nicht erkannt oder gefunden werden. Und: Dunkelheit wirft uns auf uns selbst zurück. Schließen wir nicht meist die Augen, wenn wir uns auf uns besinnen, wenn wir beten oder meditieren? Wir sperren die helle, ablenkende Wirklichkeit für einen Moment aus, um uns mit unserer Seele zu verbinden. Oder mit unserem inneren Arzt.

Andererseits berichtete ein Teilnehmer der Meditationsrunde, er habe einmal – mit geschlossenen Augen – gebetet, etwas Bestimmtes erkennen zu können. Da sagte ihm eine innere Stimme: Dann mach‘ die Augen auf! So kann’s auch gehen.

Natürlich gehört das Licht zur Dunkelheit. Schwarz und Weiß, Yin und Yang. Die Lichtgestalt Harry Potter gegen die schwarze, böse Macht des Lord Voldemort. Eins ist klar: Das eine geht nicht ohne das andere. Licht, das bedeutet Leben, Heilung, Glück. Ich würde nur gerne die Dunkelheit von ihrem negativen Image befreien. Das hat sie nämlich nicht verdient.

„Die ewigen Sterne kommen wieder zum Vorschein, sobald es finster genug ist“, schrieb der schottische Philosoph Thomas Carlyle im 19. Jahrhundert. Interessant finde ich hier das Wörtchen „wieder“. Sie sind nämlich immer da, die ewigen Sterne, wir sehen sie nur oft nicht. So, wie mir die Dunkelheit meiner Krebserkrankung Sterne gezeigt hat, die ich gar nicht (mehr) gesehen hatte. Besondere alte Freunde, besondere neue Freunde, Mut machende Lebensphilosophien wie der Daoismus, der Buddhismus oder der Schamanismus, fantastische Ärztinnen und Therapeuten. Der Duft der Rose, wärmende Sonnenstrahlen, ein Schmetterling. Sterne überall.

Selbst das Licht entzünden

So zeigt uns die Dunkelheit nicht Gesehenes oder Vergessenes. Sie animiert uns dazu, nicht darauf zu warten, bis irgendjemand das Licht einschaltet – sie fordert uns auf, es selbst zu tun! Der chinesische Philosoph Konfuzius schrieb 500 vor Christus: „Es ist besser, ein Licht zu entzünden, als auf die Dunkelheit zu schimpfen.“ Oder es zumindest zu versuchen, denn viele Lebensphilosophien lehren uns, dass wir Unterstützung bekommen, sobald wir mit einer guten Absicht unterwegs sind.

Lassen Sie mich den Bogen zum Anfang zurückschlagen, zum schwarzen Foto. „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts“, habe ich geschrieben. Anita Moorjani, die Frau, die in ihrem Buch „Heilung“ von Ihrer Nahtoderfahrung und der Heilung von Krebs im Endstadium erzählt, nimmt das Beispiel eines Kaufhauses mit hunderten von Waren. Es ist dunkel, wir sehen nichts. Aber um uns herum sind hunderte Waren! Nun, glücklicherweise haben wir eine Taschenlampe in der Hand und schalten sie ein. In ihrem Lichtkegel erscheinen hübsche Kleider. Aber in all den Regalen liegt noch viel mehr. Schuhe, Mützen, Handschuhe. Haushaltswäsche, Deko-Artikel.

Der Kaufhausbummel in der Dunkelheit lehrt uns: Wir sehen das, worauf wir die Taschenlampe richten. Das erinnert mich, pardon für diesen kleinen Exkurs, an die emotionalen Diskussionen rund um komplementäre Heilmethoden wir Akupunktur oder Homöopathie. Wenn Wissenschaftler mit ihren Werkzeugen keine Inhaltsstoffe oder Wirkungen nachweisen können, heißt das noch lange nicht, dass es sie nicht gibt …

Wir entscheiden, was wir sehen

Zurück ins Kaufhaus: Wir können unsere Taschenlampe auf das eine unaufgeräumte Regal oder hässliche Kleider richten. Wir können aber auch die hübschen Kleider beleuchten oder die kunstvollen Teppiche. Das ist allein unsere Entscheidung! Warum tun wir es dann nicht öfter, sondern richten unsere Aufmerksamkeit gerne und ganz bewusst auf die unschönen Dinge? Hier schalten sich tatsächlich Urinstinkte ein. Der amerikanische Neuropsychologe Rick Hanson erklärt, dass der Steinzeitmensch tatsächlich hinter jedem Busch einen Säbelzahntiger vermuten musste, um zu überleben. Heutzutage dürfte diese Gefahr nur noch für wenige Erdenbürger überlebenswichtig sein. Aber der Instinkt, die Aufmerksamkeit eher auf das Dunkel, die wir oft mit Gefahr assoziieren, zu richten, ist geblieben.

Weil wir aber intelligente und nicht nur instinktgesteuerte Lebewesen sind, können wir hier bewusst gegensteuern und in der Dunkelheit das Licht suchen, in der Verzweiflung die Hoffnung, das halbvolle Glas sehen und nicht das halbleere. Dann können wir abends die Augen schließen und uns in vollständiger Dunkelheit ausruhen, um am nächsten Morgen wieder in die Sonne hineinzuleben.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.