Der beherzte Patient

Vom gesunden Umgang mit Krankheit

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Heilung liegt im Herzen

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(Blog) Es ist schon erstaunlich, wie die Dinge manchmal so zueinander kommen. Im Sommer habe ich gemeinsam mit dem Neurologen und Arzt für Chinesische Medizin, Dr. med. Michael Hammes, in Bad Homburg eine „Meditation im Park“ organisiert. Obwohl das Thermometer noch um kurz vor 18 Uhr 36 Grad im Schatten anzeigte, fanden sich zwölf Interessierte ein – darunter Sabina Thiemeyer, Redakteurin bei der Zeitschrift „Naturarzt“. Das Ergebnis: dieses schöne Interview in der Januar-Ausgabe 2018 …

Sie ist lebhaft, lacht gerne und sieht rundum gesund aus. Dabei ist Bettina Kübler seit sieben Jahren Brustkrebspatientin. Trotz regelmäßiger Kontrollen waren beide Brüste und viele Lymphknoten befallen. Das war im Sommer 2010: Operation, Chemotherapie, Bestrahlung, Antihormontherapie. Im Januar 2014: Metastasen in den Eierstöcken und im Bauchfell. Wieder Operation und Chemotherapie. Seit Juli 2015 schließlich teilt die 53-jährige Journalistin in ihrem Projekt „Der beherzte Patient“ ihre Erfahrungen und macht anderen Mut.

Sie leben seit mehr als sieben Jahren mit einer schweren Krebserkrankung –und das offenbar sehr gut. Was trägt Sie, und wie haben Sie es geschafft, trotz der bedrohlichen Diagnose positiv nach vorne zu schauen?

 Was ist eine ‚schwere Krebserkrankung‘? Da sehe ich immer einen leidenden Menschen vor mir. Aber ich leide glücklicherweise nicht – vielleicht von seelischem Leiden in der Zeit nach den Diagnosen mal abgesehen. Ich hätte auch Anspruch auf einen gewissen Grad der Schwerbehinderung – aber ich fühle mich nun mal nicht behindert, in keiner Weise. Im Gegenteil: Ich fühle mich völlig gesund – ob ich es nun bin oder nicht. Das hilft natürlich dabei, positiv nach vorne zu schauen. Was mich trägt? Fantastische Ärzte und Therapeuten, Familie, Freunde, vor allem die Liebe zum Leben. Ich habe einfach eine unbändige Lust auf Leben, und allein das gibt mir viel Kraft.

Viele Krebspatienten verzweifeln an der Sinnfrage und fühlen sich als Opfer eines ungerechten Schicksals. Sie sprechen von übermenschlichen Kräften, die Sie entdecken durften, als Sie Ihrer Erkrankung einen Sinn geben konnten. Wie konnten Sie die Sinnfrage für sich klären?

Ich weiß noch, dass ich nach meiner Erstdiagnose 2010 in einer Ausgabe der ‚Blauen Ratgeber‘ der Deutschen Krebsgesellschaft las, die Patienten sollten sich keine Gedanken machen, die Krankheit könne jeden treffen, und wen es treffe, sei reiner Zufall. Da bin ich unglaublich wütend geworden und habe das Heft in hohem Bogen in den Papierkorb gefeuert. Warum schreiben sie das? Das hat wahrscheinlich mit der Schuldfrage zu tun: Habe ich in meinem Leben etwas falsch gemacht – und werde nun mit Krebs dafür bestraft? Ich habe das tatsächlich nie so gesehen. Eine Wegbegleiterin sagte mir damals, Bettina, Du hast bislang alles richtig gemacht – aber jetzt ist ein anderes Programm dran.

Was bedeutet das?

Das bedeutete, dass ich mein Leben auf den Prüfstand stellen und gegebenenfalls Dinge verändern sollte: Den Stress runterfahren, gesünder leben, mich von Energiefressern trennen und so weiter. Dazu konnte ich aber kein ohnmächtiges Opfer sein, sondern musste und wollte die Heldin meines Lebens sein, selbst am Steuer stehen. Und als ich mit diesem Prozess begann, ging es mir auch peu à peu besser. Genau das sagte auch der Neurologe und Auschwitz-Überlebende Viktor Frankl: In dem Moment, in dem wir einem krisenhaften Geschehen einen Sinn verleihen können, bekommen wir auch die Kraft, uns daraus zu befreien oder zumindest einen guten Umgang damit zu finden.

Und wie begegnen Sie Patienten, die eine resignative Haltung einnehmen und ihr Schicksal passiv erdulden? Hätten Sie eine Botschaft für diese Gruppe?

Nehmen Sie beherzt Ihr Leben in die Hand, leben sie es selbst und lassen Sie es nicht von anderen leben. Wie das geschieht, ist höchst individuell und muss von jedem Patienten, jeder Patientin selbst entschieden und umgesetzt werden. Ich möchte dazu ermutigen, den eigenen Weg des Herzens zu gehen, und Anregungen geben, wie ich es mache. Das sind Anregungen, nicht mehr. Ich versuche zu leben, was ich mit dem ‚Beherzten Patienten‘ vermittle. Ob sich jemand davon inspirieren lässt oder in seiner resignativen Haltung verharrt, ist seine Entscheidung.

‚Typische Schulmediziner‘ haben Sie mit Ihren düsteren Prognosen eher entmutigt. Wie wünschen Sie sich den ‚idealen Arzt‘?

Mein idealer Arzt hilft, meinen eigenen inneren Arzt zu wecken, und arbeitet mit ihm zusammen. Er sieht nicht nur meinen Tumor, sondern den ganzen Menschen, mit Körper, Geist und Seele. Wie sagte mal sinngemäß der Hirnforscher Gerald Hüther vor einem Ärztekongress: Niemand von Ihnen kann einen Patienten heilen. Sie können den Heilungsprozess erleichtern, indem Sie gut operieren oder die richtigen Medikamente verschreiben. Aber heilen kann sich der Patient letztendlich nur selbst. Damit erinnert Hüther an den mittelalterlichen Arzt Paracelsus, der einmal gesagt haben soll: ‚Der Arzt verbindet Deine Wunden, Dein innerer Arzt lässt Dich gesunden.‘

Haben Sie einen solchen Arzt gefunden?

Ja, habe ich. Eigentlich ist es ein ganzes Team – ein fantastischer, Schul- und Komplementärmedizin verbindender Onkologe, ein fachlich wie menschlich wunderbarer Gynäkologe, ein hervorragender Arzt für Chinesische Medizin, ein toller Psychotherapeut und Schamane … und viele andere mehr. Neue kommen hinzu, andere treten in den Hintergrund – so, wie sich eben auch das Leben verändert. Sie alle helfen mir mit ihrer ärztlichen oder therapeutischen Kunst, aber akzeptieren und unterstützen auch meinen Anspruch, dass wir auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Das heißt, dass ich als Patientin eine Menge Eigenverantwortung übernehme. Das ist nicht immer einfach. Aber ich weiß: Bei einer solchen Krankheit reicht es nicht zu sagen: ‚Hallo Doktor, machen Sie mich gesund‘. Das würde auch der Sinnfrage zuwiderlaufen. Ich sehe Krankheit als einen Lehrmeister. Und die, die lernt und das Gelernte in die Tat umsetzt, um gesünder und glücklicher zu werden, das bin ich.

‚Heilung beginnt im Kopf‘ lautet das erste Ihrer Leitmotive, ‚Heilung liegt im Herzen‘ das zweite. Können Sie das bitte näher erläutern?

‚Ändere die Sichtweise auf die Dinge, und die Dinge werden sich verändern‘, heißt es. Mit unseren Gedanken können wir viel mehr beeinflussen, als wir so denken. Das wussten schon die chinesischen Daoisten, die Buddhisten, die Schamanen, ach, alle alten Heiltraditionen. In der Psychoneuroimmunologie werden dafür mittlerweile auch wissenschaftliche Beweise erbracht. Oder denken Sie an die Placebo-Forschung! Ich glaube, eine wirksame Pille zu bekommen – und sie wirkt, obwohl sie nur aus Zucker besteht. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass die Heilung im Kopf beginnt und sich dann auf jede Zelle überträgt. Körper, Geist und Seele – das gehört nun mal zusammen. ‚Die Heilung liegt im Herzen‘ ist der nächste Schritt. Die alten Inder sagen, Krankheit sei ein Ruf der Seele, die sich anders nicht Gehör verschaffen kann. Ich meine, die Seele in meinem Herzen weiß genau, was ich zur Heilung brauche. Ich muss ihr nur einmal zuhören.

Sie haben Ihren Weg zum Thema eines Buchs gemacht, betreiben einen Blog, halten Vorträge etc. Was treibt Sie an? Auf welche Reaktionen stoßen Sie?

Als ich krank wurde, habe ich mich in meinem privaten Blog, über den ich mit meinen wunderbaren Freunden kommuniziert habe, so was wie gesundgeschrieben. Zumindest war das ein wichtiger Teil meines Gesundungsprozesses. Als mein Umfeld dann beobachtete, wie es mir nach der Diagnose relativ rasch wieder gut ging, baten sie mich häufig darum, ebenfalls betroffenen Menschen, die sie kannten, ‚Tipps‘ zu geben. Das wurde mir irgendwann schlicht zu viel – und plötzlich hieß es: ‚Schreib‘ doch ein Buch‘. Inzwischen ist mir der ‚Beherzte Patient‘ eine echte Herzensangelegenheit, und die meisten Leserinnen und Leser reagieren sehr positiv. Überwiegend sind das Menschen, die Krankheit ähnlich sehen wie ich, und nach Bestätigung und Austausch suchen. Für mich ist das Projekt nach wie vor Teil meines Heilungsweges. Es macht mich einfach glücklich, weitergeben zu können, was ich lernen durfte, zu spüren, dass ich damit anderen helfen kann. Es ist wie ein Dankeschön an das Leben, das mir so viel geschenkt hat.

Stöbert man auf Ihrer Internetseite, so gewinnt man den Eindruck, dass Sie sich mit vielen unterschiedlichen Therapieansätzen und Denkschulen beschäftigt haben. Das birgt ja auch die Gefahr, sich zu verzetteln. Wie wählen Sie aus, welche Behandlungsansätze für Sie passend sind?

Das ist die Sache mit dem Herzen. Ich bin nach meiner Erkrankung sehr offen geworden, nehme vieles wahr. Ich glaube, dass das Leben ständig mit uns spricht, wir müssen bloß hinhören und hinsehen. Und wenn ich das Gefühl habe, dies oder jenes könnte mir gut tun, dann mache ich es. Ja, das mit der Verzettelungsgefahr stimmt- aber ich muss sagen, es gibt nichts, von dem ich heute sagen würde, das hat mir nichts gebracht. Im Gegenteil!

Neben dem ‚Umlegen des mentalen Schalters‘: Was tun Sie für Ihr körperliches Wohlergehen?

Ich fürchte, wenn ich das alles aufzähle, sprenge ich das Interview. Nach wie vor lasse ich mich schulmedizinisch behandeln, ich mache eine Antihormontherapie und nehme Chemotabletten, geschickt kombiniert mit anderen Präparaten. Das vertrage ich bestens. Weil das aber mein Immunsystem einschränkt, bemühe ich mich in meiner Lebensführung darum, es zu stärken – und habe damit, wie regelmäßige Untersuchungen zeigen, auch Erfolg. Da ist zunächst eine gute, vielfältige Ernährung, mit viel Obst und Gemüse, wenig Milch und Fleisch, so gut wie keinem weißer Zucker, alles möglichst Bio, regional und saisonal. Häufiger Verzehr von antikarzinogen und antientzündlich wirkenden Lebensmitteln, wie zum Beispiel Kurkuma, Ingwer, Kohl, grüner Tee, Leinöl, Beerenobst und vieles mehr. Orthomolekulare Medizin, also Arbeit mit Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitamin D3 in Kombination mit K2, Selen, Vitamin C und Zink, auch Indol-3-Carbinol, das ist der Brokkoli-Wirkstoff gegen Krebs. Intermittierendes Fasten zur Entgiftung, gerade habe ich auswärts eine ganze Fastenwoche eingelegt. Viel Bewegung an der frischen Luft – Krebszellen hassen Sauerstoff, also kriegen sie ihn! Mehrmals in der Woche Qigong zur Entspannung und Zentrierung, manchmal Meditation. Komplementäre Heilweisen wie zum Beispiel regelmäßige Akupunktur. Vor allem versuche ich jeden Tag, ein erfülltes und glückliches Leben zu führen. Geht es der Seele gut, stehen die Chancen, dass sich auch der Körper wohlfühlt, ziemlich gut.

Welches sind die wichtigsten Botschaften, die Sie jedem Menschen mit auf den Weg geben möchten, der mit einer schwierigen Diagnose konfrontiert wird?

Sei beherzt, sei Held Deines Lebens, übernimm Verantwortung für Dich. Richte Deine Gedanken auf Heilung aus. Höre auf Deine Seele. Und lasse Dich bloß nicht von ungünstigen Statistiken und Prognosen beeindrucken, denn: Alles ist möglich!

„Naturarzt“-Interview mit Bettina Kübler, Jahrgang 1964, Journalistin und „Heldin ihres Lebens“, hat nach eigener Brustkrebserkrankung das Projekt „Der beherzte Patient“ ins Leben gerufen. Mit ihrem Buch, einem Blog und Vorträgen macht sie anderen Patienten Mut, den eigenen Weg des Herzens zu gehen.

Weiterführende Informationen: Bettina Kübler: Der beherzte Patient – Vom gesunden Umgang mit Krankheit. Erweiterte Neuauflage. Hamburg 2017, 7,99 Euro (E-Book 5,49 Euro), ISBN 97 83 74 31 81 540. Internet: www.der-beherzte-patient.de

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